Der Mensch lebt nicht allein vom Brot, stellten wir fest, als sich am 20. Mai blauer Himmel mit strahlendem Sonnenschein über der Hofreite der Fam. Ilse und Walther Jakobi, wölbte, wo die Tagung der siebenbürgischen Frauen in Hessen, stattfand. Dort nutzten wir die Backstube und die Küche, um einen Brauch aus vergangenen Tagen, Brot und Hanklich backen, wieder aufleben zu lassen.

Im weitläufigen Garten fand sich auch ein geeigneter Platz zum Singen. Die Gesichter der eintreffenden Teilnehmerinnen, strahlten mit der Sonne um die Wette, als sie dieses idyllische Plätzchen betrachteten. Während der Brotteig unter den geübten Händen von Helga Grail und Brigitte kräftig geknetet und zum Aufgehen vorbereitet wurde, begrüßten wir einander einen Kanon singend. Das Eis war gebrochen, und in der Kennenlernrunde, angeleitet von Maria Rampelt, ging es fröhlich zu. Ihr anregender Vortrag zum Thema Brot, lud uns ein, darüber nachzudenken, bei welchen Gelegenheiten wir in unserem Leben mit Brot in Berührung gekommen waren. Schlussfolgernd stellten wir fest, dass Brot, das Grundnahrungsmittel aller Menschen, der Inhalt vieler Rituale ist, die uns auf unserem Lebensweg von der Geburt bis zum Tod begleiten. Die ergänzenden Sprüche wie “Wes Brot ich esse, des Lied ich singe“, “Dunkles Brot macht Wangen rot“; vertieften die herausragende Bedeutung, welche dem Brot in unserem Leben zukommt.

Inzwischen hatte Angelika Meltzer, unsere Chorleiterin, das Keyboard aufgebaut, ihre Gitarre und Flöte bereitgestellt und wir stimmten die ersten Lieder an: Af dieser Ierd, Das Karpatenlied-kaum bekannt -Det Frähjohr. Zweistimmig mit und ohne Gitarrenbegleitung sangen wir aus dem Liederbüchlein, welches Frau Meltzer für diesen Anlass zusammengestellt hatte. Die Singfreude war sehr groß. Unser Repertoire von 18 Liedern musste am Nachmittag mit von Teilnehmerinnen mitgebrachten Liedern ergänzt werden. Plötzlich wurden wir mit dem bekannten Pizza Duft aus unseren Träumereien gerissen. Die Probe-Pizza musste unbedingt gekostet werden. Die Arbeitsgruppe Pizza hatte sie inzwischen gebacken. Schmatzend und lachend wurde sie mit hervorragend bewertet. Mit deutschen Volksliedern wurde die etwas wehmütige Weise der sächsischen Lieder aufgefrischt.

Die Mittagspause verbrachten wir sitzend und stehend, plaudernd und essend in der Backstube und im Hof. Bald hieß es, der Brotteig müsse zu Brotlaiben geformt werden. Die Brotfrauen banden ihre Schürzen um und von vielen Augenpaaren begleitet, schwangen sie den Teig hin und her bis er die Form eines Brotlaibes annahm. Das erforderte große Geschicklichkeit und wurde mit aneifernden Zurufen unterstützt. Manche erlebten diesen Brauch zum ersten Mal und drängten, mitmachen zu dürfen. Mit kräftigen Armen und den richtigen Platz im Backofen auslotend schob unser Backofenmeister Walther Jakobi Brot für Brot in den mit Holz vorgeheizten Backofen. Schwatzend, staunend und fotografierend verfolgten wir jede Handbewegung, die getan wurde. Unser Brot brauchte seine Zeit bis es zum Abklopfen bereit war. Kurzweilig verging die Zeit mit Singen, während es backte.

Mit einem gewissen Stolz nahmen einzelne Frauen die auf Holzbrettchen gelegten knusprigen Brote und trugen sie ins Freie, wo ein Tisch und der Backtrog bereitstanden. Brot für Brot wurde mit einem Holzstock abgeklopft und in den Backtrog gelegt. Er wurde mit einem sächsisch gestickten Tuch abgedeckt. Plötzlich trat ehrfurchtsvolle, erwartungsvolle Stille ein. Unser Gastgeber nahm ein Brot heraus und schlug feierlich ein Kreuz darüber. Darauf schnitt er es an.  Wie das duftete! Und wie es schmeckte! Bestrichen mit evangelischem Speck, Kräuterbutter und mit Kaiserspeck; dazu Radieschen, Paprika und grünem Zwiebel schmeckte es einfach himmlisch.

Da uns die Kaffeezeit mit Hanklich noch bevorstand, mussten wir uns zwingen aufzuhören. Die Hanklichfrauen waren schon fleißig am Teig auslegen, um dann den Guss aus Eiern und Rahm darauf zu streichen. Auch die Hanklich wurde im Backofen gebacken. Obwohl sich die Kaffeestunde auf den späten Nachmittag verschoben hatte und wir noch in Broterinnerungen schwelgten, griffen alle tüchtig zu. Die Grießhanklich mundete am besten.

In der Abschlussrunde brachten alle Frauen mit leuchtenden Augen ihre Freude über diesen wunderschönen, an frühere Zeiten erinnernden Tag, zum Ausdruck. Worte des Dankes richteten sich im Besonderen an die Gastgeber, in deren Haus und Hof sich alle wie daheim fühlten. Eine Kostprobe des feinen Kartoffelbrotes konnte jede mit nach Hause nehmen. Eine arbeitsintensive Tagung, 20 kg Mehl wurden zu fünf Hanklich, zehn Pizzen und zwölf Broten verarbeitet, aufgelockert mit fröhlichem Gesang, neigte sich dem Ende. Bis zum Schluss halfen emsige Hände beim Aufräumen mit.

 

Karin Scheiner, den 03.06.2017 Schlierbach